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Humangenetik in der Pränataldiagnostik. Die normative Funktion des Krankheits- und Behinderungsbegriffs

Symposium am 28. Januar 1994 in Bonn

 

Im ersten Teil des Symposiums, zu dem die Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit dem Institut für Wissenschaft und Ethik anlässlich seiner Eröffnung eingeladen hatte, referierte zu Beginn Professor Dr. P. Propping über die medizinisch-humangenetischen Aspekte der Pränataldiagnostik. In seinen Ausführungen zur Humangenetik als Wissenschaft stellte er heraus, dass sich aus genetischer Sicht «Normalität» nicht bestimmen lässt, vielmehr Variabilität das «Normale» ist. Darüber hinaus wird die gleiche genetische Erkrankung von verschiedenen Patienten unterschiedlich schwer eingestuft. Er betonte die Notwendigkeit, einerseits die Pränataldiagnostik an eine ausführliche genetische Beratung zu knüpfen und andererseits einem Ausufern der Pränataldiagnostik ohne wesentliche Risikoerhöhung entgegenzuwirken.

Im anschließenden Referat über die rechtlichen Aspekte der Humangenetik in der Pränataldiagnostik stellte Professor Dr. G. Jakobs eine Interpretation des Begriffs der Schädigung vor, die sich ergibt, wenn strafrechtliche Normen im Zusammenhang mit dem Schwangerschaftsabbruch auf den gesellschaftlichen Kontext projiziert werden. Er kam zu dem Schluss, dass die Grundmaximen des normativen Systems mit denjenigen der Praxis nicht mehr kongruent sind und sich sowohl die Wertordnung, die das Bundesverfassungsgericht als Grundgesetzinterpretation vertritt, als auch die Interpretation des Begriffs der Schädigung aus dem Strafrecht auf eine Gesellschaft beziehen, von der sich die alltägliche Praxis zunehmend entfernt.

Abschließend referierte Professor Dr. L. Honnefelder über die ethischen Aspekte des oben angegebenen Themas. Er ging kritisch auf die normative Funktion des Krankheits-und Behinderungsbegriffs ein und warnte vor einer Begriffsverschiebung durch den Fortschritt der Humangenetik, bei der Krankheit immer stärker von dem subjektiven Leiden des Betroffenen abgelöst wird und als das Vermeidbare, damit zu Vermeidende, erscheint. Er stellte heraus, dass in kaum einem anderen Bereich der neuen medizinischen Möglichkeiten Chancen und Risiken so hart gegeneinander stehen wie beim ärztlichen Gebrauch der Humangenetik in der Pränataldiagnostik.

Der zweite Teil des Symposiums war der Information und Diskussion gewidmet. Die Professoren O. Schwemmer, L. Siep, L. Honnefelder sowie C.F. Gethmann stellten als Projektleiter das Forschungsprojekt der Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen zum Thema «'Natürlichkeit' der Natur und Zumutbarkeit von Risiken» vor. Abschließend wurden aus aktuellem Anlass zwei Kurzreferate gehalten: Professor Dr. H. Beier griff das Thema «Der vervielfältigte Mensch - zu Sinn oder Unsinn des Klonens menschlicher Embryonen» auf, und Professor Dr. F.W. Eigler ging auf die Problematik «Transplantation und 'Hirntod'» ein.

 

  • Ein ausführlicher Bericht über das Symposium ist zu finden in:

    Gethmann, C.F., Honnefelder, L. (Hg.): Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 1, Berlin, New York 1996, 101-134.
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