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Hirntod'-Kriterium und Organentnahme

Symposium am 16. Dezember 1994 in Bonn

 

Zu dieser interdisziplinären Tagung lud das Institut für Wissenschaft und Ethik in Verbindung mit der Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen und der Forschungsarbeitsgemeinschaft Tod und Sterben in Nordrhein-Westfalen ein. In der Frage nach dem 'Hirntod'-Kriterium sollten die ethischen, anthropologischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen im Hinblick auf die Einheit des Menschen und seines Todes reflektiert werden.

In seiner Einführung zur Thematik des Symposiums wies Professor Dr. L. Honnefelder darauf hin, dass die Legitimität eines neuen Todeskriteriums - wie das Kriterium des Hirntodes - einer vertieften Reflexion auf die Grundlagen unserer Annahmen über den Tod bedarf. Ein - wünschbarer - Konsens in Bezug auf das von einer Gesellschaft präferierte Todeskriterium kann sich auf Dauer nur dann bewähren, wenn er aus begründeter Einsicht erfolgt. Ein solcher Konsens kann daher nicht auf Akzeptanzbeschaffung für bestimmte gesellschaftliche Gruppen beruhen, sondern nur auf Akzeptabilität aus Gründen, die über den Bezug auf naturwissenschaftliche Relevanz hinaus auch der Rückvernetzung mit unserer lebensweltlichen Praxis bedürfen.

Die philosophisch-anthropologische Thematik des Todes wurde durch Professor Dr. R. Scherer problematisiert. Mit seiner phänomenologischen Begründung eines ganzheitlichen Todesverständnisses will er die Konsequenzen vermeiden, die sich ergeben, wenn der Mensch nur als Organismus gesehen und damit das Verständnis von menschlicher Ganzheit biologistisch reduziert wird. Den Tod deutet Scherer als Reduktion der Existenzweise auf reine Körperlichkeit, die das Auseinanderfallen der Einheit von Geist und Psychophysis meint, und damit das Ende der integrierenden Vollzugskraft der Person. Indiz dieses Zerfalls sei der vollständige und irreversible Ausfall der Hirnfunktionen, da diese die Bedingung der Möglichkeit personalen Seins seien.

Der Neurologe Professor Dr. W.F. Haupt erläuterte die physiologischen Prozesse und medizinischen Diagnoseschritte im Falle des Hirntodes. Der Ausfall der Hirnfunktion führt demnach nicht nur zum Erlöschen aller geistigseelischen Funktionen, sondern auch zum Ausfall der koordinierten Steuerung der verschiedenen Organfunktionen und damit zum Zerfall der funktionellen Einheit des Organismus. Haupt stellte heraus, dass die Feststellung des Hintodes als irreversibler Ausfall aller Gehirnfunktionen mittels der verfügbaren diagnostischen Verfahren als zuverlässig gilt.

Der Problemkomplex von 'Hirntod'-Kriterium und Ethik der Organtransplantation wurde von Professor Dr. L. Siep und seinem Mitarbeiter Dr. M. Quante behandelt, die in diesem Rahmen ihren Teil des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken» vorstellten, der sich mit der Ethik der Organtransplantation unter dem speziellen Aspekt der Stellung des moralischen Status des menschlichen Körpers beschäftigt. Sie stellten die entscheidende Rolle des Todesverständnisses für die Organtransplantation heraus und unterschieden zwischen dem Verständnis des Todes als dem Ende eines individuellen, vom Körper selbst zentral gesteuerten, mentalen und organischen Lebens und demjenigen als dem Ende von Lebensvorgängen in einem Körper.

Das Symposium endete mit einer von Frau Professor Dr. A. Gethmann-Siefert moderierten Podiumsdiskussion zum Thema «'Hirntod'-Kriterium und Organentnahme», an der Professor Dr. F.W. Eigler, Professor Dr. H. Grewel sowie Professor Dr. H.-L. Schreiber teilnahmen.

 

  • Eine ausführliche Dokumentation des Symposiums ist zu finden in: 

    Gethmann, C.F., Honnefelder, L. (Hg.): Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 1, Berlin, New York 1996, 209-273.
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