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Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen?

Interdisziplinäres Symposium am 13.-15. April 2000 in Bonn

 

Das Projekt einer vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms wird voraussichtlich in naher Zukunft abgeschlossen sein. Diese Tatsache wirft die Frage auf, wie mit dem so gewonnenen Wissen umzugehen ist, welche neuen medizinischen Vorhersage- und Therapiemöglichkeiten es eröffnet und welche individuellen und sozialen Konfliktpotentiale es schafft. Eine realistische Einschätzung und eine ethische Bewertung dieser Chancen und Risiken hängen dabei in empfindlicher Weise von der Frage ab, welche Art von Wissen die Erforschung des menschlichen Genoms überhaupt vermittelt.

Vor diesem Hintergrund beschlossen der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Fonds der Chemischen Industrie, im Rahmen des Programms «Chemie und Geisteswissenschaften» ein dreitägiges Symposium zum Thema «Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen?» zu veranstalten. Die Tagung wurde durch das Institut für Wissenschaft und Ethik und das Institut für Humangenetik der Universität Bonn geplant und durchgeführt und fand vom 13. bis zum 15. April 2000 in Bonn statt.

Das Symposium begann am 13. April in der Aula der Universität Bonn mit einem öffentlichen Abendvortrag von Professor Hans Galjaard, M.D., Ph.D. (Abteilung für klinische Genetik an der Erasmus-Universität Rotterdam). Unter der Überschrift «Beyond the Human Genome» gab er einen Überblick über die medizinischen Erkenntnisse und die zu erwartenden sozialen Entwicklungen, welche mit der Erforschung des menschlichen Genoms verbunden sind.

 Die beiden folgenden Tage des Symposiums wurden im Wissenschaftszentrum Bonn abgehalten.

Der Vormittag des 14. April war der Frage gewidmet:
Welche Art von Wissen vermittelt uns die Genetik? Im ersten Block, Wie entsteht genetisches Wissen?, erläuterte zunächst Professor Dr. Alfred Maelicke (Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie der Universität Mainz), dass die durch das Humangenomprojekt gelieferten Informationen über DNA-Sequenzen erst dann zu genetischem Wissen werden könnten, wenn die kodierende Funktion dieser Sequenzen geklärt ist. Der Erwerb solchen Wissens stelle sich jedoch als erheblich schwieriger dar als zunächst angenommen, insbesondere weil die anfangs vorausgesetzte Zuordnung «ein Gen - ein Protein» sich inzwischen als falsch herausgestellt habe. In den Ebenen von Genom, Proteom und Physiom sei folglich mit einer zunehmenden Komplexität zu rechnen, so dass die Ergebnisse der «Post-Genomics», die die funktionalen Zusammenhänge zwischen genotypischen und phänotypischen Merkmalen aufdecken soll, um Größenordnungen komplexer sein werden als diejenigen der derzeit betriebenen «Genomics», die sich auf das bloße Sammeln von Daten beschränkt. Im Anschluss hieran arbeitete Professor Dr. Peter Janich (Institut für Philosophie der Universität Marburg) heraus, dass in der Diskussion der Humangenetik zwei verschiedene Informationsbegriffe zur Anwendung kommen, die sorgfältig voneinander zu unterscheiden seien: einerseits Information im Sinne einer bloßen materiellen Struktureigenschaft von Systemen, andererseits Information im Sinne einer Vermittlung von Bedeutung und Geltungsanspruch. Die Bezeichnung der Strukturen des menschlichen Genoms als «Information» sei daher ebenso irreführend wie die Rede von der «Entschlüsselung» des menschlichen Genoms; denn scheinbar harmlose Metaphern dieser Art führen zu einer erkenntnistheoretischen Vorbelastung von ethischen, rechtlichen und sozialen Erörterungen, die den Bedeutungs- und Geltungsgehalt von naturwissenschaftlichen Erhebungen erst zu klären hätten. Zu den beiden Vorträgen nahm in einem zusammenfassenden Statement Professor Dr. Hermann Lübbert (Lehrstuhl für Tierphysiologie der Universität Bochum) Stellung.

Im zweiten Block, Wie bestimmen unsere Visionen die Genetik, und wie bestimmt die Genetik unsere Visionen?, deutete Professor Dr. Ernst Peter Fischer (Hochschule Holzen in Kandern) den Wunsch nach Vollständigkeit, der das Projekt der Sequenzierung des menschlichen Genoms initiiert und vorangetrieben habe, als eine zeitgenössische Variante der Suche nach dem aristotelischen «unbewegten Beweger». Zugleich sei festzustellen, dass entgegen den ursprünglichen Visionen der frühen Vertreter der Molekularbiologie die moderne Genetik sich nicht als eine Grundlagenwissenschaft etwa von der Art der physikalischen Quantentheorie darstelle, sondern als eine Ingenieurwissenschaft, deren Maßstab in der Machbarkeit liege. In diesem Zusammenhang seien dann auch irrige Vorstellungen wie die eines «genetischen Programms» aufgekommen, die derzeit die Vorstellung von Genetik beherrschen und Visionen einer molekularen Theorie menschlichen Verhaltens oder molekularer Eingriffe in soziale Vorgänge hervorgebracht haben. Erst eine Rückbindung des Verständnisses von Humangenetik an den Gedanken der menschlichen Bildung könne ein angemesseneres Verhältnis des Menschen zu seinem Genom begründen, innerhalb dessen auch die Humangenetik selbst sich zuletzt als eine «genetische Wissenschaft» reflektieren könne. Sodann gab Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker (Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Institut für Biochemie der Universität München) einen Überblick über die Ziele und den Fortgang des Humangenomprojekts. Er kritisierte, dass jüngste Erfolgsmeldungen über die angeblich bereits abgeschlossene Sequenzierung des menschlichen Genoms in der Öffentlichkeit zu hohe Erwartungen an die Humangenetik geweckt hätten. In diesem Zusammenhang zeige sich, wie sehr industrielle Forschung im Gegensatz zu öffentlich geförderter Forschung unter dem Erwartungsdruck der Kapitalmärkte stehe. Professor Dr. Kurt Bayertz (Philosophisches Seminar der Universität Münster) stellte dar, dass die theoretischen Visionen umfassenden Wissens und die praktischen Visionen individualmedizinischer, sozialtechnischer und kommerzieller Nutzung nicht nur das Tempo, sondern auch die Richtung des wissenschaftlichen Fortschreitens der Humangenomforschung bestimmt haben. Schließlich zeigte Professor Dr. Dr. Alfons Labisch (Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf) Parallelen zwischen der Entwicklung der Bakteriologie am Ende des 19. Jahrhunderts und der gegenwärtigen Entwicklung der Humangenetik auf. So wie damals zunächst eindimensionale Korrelationen zwischen Keim und Krankheit vermutet und erst später multidimensionale Wechselwirkungen zwischen Keim, Umwelt und Wirt erkannt wurden, so wurden auch vor zwanzig Jahren zunächst eindimensionale Bezüge zwischen Gen und Krankheit angenommen, die nun erst einer multidimensionalen Auffassung der Korrelation zwischen Gen, Umwelt und Genträger weichen.

In der folgenden Diskussion, Wozu Genomforschung?, wurden durch Professor Dr. Rudi Balling (Institut für Genetik der Technischen Universität München), Professor Dr. Wolfgang Engel (Institut für Humangenetik der Universität Göttingen), Professor Dr. Regine Kollek (BIOGUM/FG Medizin der Universität Hamburg), Privatdozent Dr. Peter Lange (BMBF), Professor Dr. Benno Müller-Hill (Institut für Genetik der Universität Köln), Dr. Werner Schiebler (Verein zur Förderung der Humangenomforschung, Aventis Pharma AG in Frankfurt), Professor Dr. Günter Stock (Vorstand der Schering AG in Berlin) und Professor Dr. Otmar Wiestler (Institut für Neuropathologie der Universität Bonn) die medizinischen, naturwissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Zielvorstellungen zusammengetragen, die sich mit der Sequenzierung des menschlichen Genoms verbinden. Zugleich wurden die verschiedenen Probleme erörtert und abgewogen, die das genetische Wissen sowohl für den individuellen Betroffenen als auch für die Gemeinschaft mit sich bringen kann.

Der Nachmittag des 14. April stand unter der Fragestellung: Welche Bedeutung hat das genetische Wissen?

Der erste Block, Seine Relevanz für unser Verständnis der lebendigen Natur, begann mit einem Überblick von Professor Dr. Klaus Sander, Ph.D. (Institut für Biologie der Universität Freiburg), über die biologischen Grundprinzipien, die durch die Erforschung des Genoms der Fruchtfliege Drosophila erkannt werden konnten. Insbesondere habe das Verständnis genetischer Wirkzusammenhänge dazu geführt, mechanistische Erklärungen an die Stelle vitalistischer Deutungen von Entwicklungsvorgängen zu setzen und somit eine streng kausale Auffassung der Natur insgesamt zu etablieren. Professor Dr. Gernot Böhme (Institut für Philosophie der Technischen Universität Darmstadt) beleuchtete die Konsequenzen für unser Naturverständnis, wenn Natur nicht mehr als ein Gegebenes, sondern als ein durch den Menschen Veränderbares erscheint, die strikte Trennung von Mikrokosmos und Makrokosmos aufgehoben wird und das Konzept der Schöpfung aufgegeben werden muss. Die Naturwissenschaft erweise sich als unfähig, an die Stelle dieser verfallenden Auffassungen ein neues Konzept von Natur zu stellen, da sie dem Ideal verpflichtet sei, Natur in ihrer Objektivität zu bestimmen, während ein deutendes Verständnis der Natur zu klären hätte, was Natur für uns ist. Professor Dr. Thomas Lengauer, Ph.D. (Institut für Algorithmik und Wissenschaftliches Rechnen, GMD, St. Augustin), erläuterte die Rolle der Informatik bei der Interpretation genetischer Daten. Diese Interpretation stelle eine Aufgabe dar, die voraussichtlich noch mehrere Generationen beschäftigen werde. Die mit der Einbeziehung des Rechners aufkommenden ethischen Fragen der Bioinformatik stellten sich als eine Kombination bekannter ethischer Fragen der Informationstechnik (vor allem des Datenschutzes) mit neuen bioethischen Fragestellungen dar. Professor Dr. Hans Mohr (Institut für Biologie der Universität Freiburg) wies darauf hin, dass beim Zusammenhang von Genotyp und Phänotyp unterschiedlich enge Korrelationen zu unterscheiden sind, die von strenger Determination über Umweltoffenheit bis hin zur hauptsächlich kulturellen Ausprägung reichen. Die Bestimmung des Ausmaßes der Heritabilität (Vererbbarkeit) von Krankheiten sei daher ein vorrangiges Forschungsziel im Hinblick auf die medizinische Nutzung der Humangenetik.

Der zweite Block, Seine Relevanz für unser Selbstverständnis, wurde von Professor Dr. Jens Reich (Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch) eröffnet. Er skizzierte zunächst die Variabilität des menschlichen Genoms und wandte sich dann dem Verhältnis zwischen genetischer Ausstattung und freier Lebensgestaltung sowohl mit Blick auf das Gattungswesen Mensch als auch mit Blick auf das Individuum zu. Henrik Kaessmann, M.Sc. (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig), berichtete von seiner Forschungsarbeit bei Professor Svante Pääbo, Ph.D., in der er aus der genetischen Variabilität des heutigen Menschen auf dessen naturgeschichtliches Alter sowie auf seine prähistorische Herkunft und Wanderungsbewegungen schließt. Der Vergleich mit anderen Primaten ergebe ein verhältnismäßig geringes Alter des modernen Menschen (ca. 500.000 Jahre im Vergleich zu 2 Millionen Jahren beim Schimpansen bzw. 3 Millionen Jahren beim Orang-Utan). Auch legen die Ergebnisse nahe, dass der Ursprung des heutigen Menschen in Afrika liegt, aus dem er vor ca. 100.000 Jahren ausgewandert ist (und den vor etwa 1 Millionen Jahren ebenfalls aus Afrika emigrierten Neandertaler verdrängte). Professor Dr. Ludwig Siep (Philosophisches Seminar der Universität Münster, Mitglied im Direktorium des IWE) wandte sich philosophisch-ethischen Aspekten der Humangenetik zu. Er wies darauf hin, dass die neuzeitliche Vorstellung eines sein eigenes Leben souverän entwerfenden oder gar erfindenden Menschen fragwürdig sei und der tatsächlichen Angewiesenheit des Menschen auf feste natürliche und kultürliche Vorgaben nicht gerecht werde. Daher könne auch dem Wissen um die eigenen Anlagen oder gar der Aussicht auf ihre Veränderbarkeit keine unumwunden positive Bedeutung beigemessen werden, wie dies der Gedanke des souveränen Lebensentwurfs noch nahelege. Die Abwägung, inwieweit genetisches Wissen vorrangig Chance oder Belastung bedeute, hänge vielmehr von präventiven und therapeutischen Möglichkeiten, von Wahrscheinlichkeit und Zeitpunkt des Auftretens einer Krankheit sowie von der individuellen psychischen Konstitution des Betroffenen ab. Insbesondere sei anzumerken, dass Menschen keineswegs unter größtmöglichem Vorauswissen die besten Entscheidungen treffen. Für den sozialen Umgang mit genetischem Wissen sei die in Europa dominierende Gerechtigkeitsvorstellung maßgeblich, dass nachteilige natürliche Anlagen unverschuldet sind und daher einen Anspruch auf Kompensation seitens der Gesellschaft begründen. Dieser Anspruch sei in den verschiedenen sozialen Problemfeldern, welche die Humangenetik eröffne, jeweils zu konkretisieren.

Genom 2000

[Alfred Maelicke, Peter Propping, Hans Galjaard, Ludger Honnefelder, Günter Stock]

 

Professor Dr. Hans-Georg Soeffner (Fachgruppe Soziologie der Universität Konstanz) hob hervor, dass in diesem Zusammenhang nicht so sehr der Einfluss der Humangenetik auf die Alltagsanthropologie problematisch sei, sondern die Herausbildung von zunächst deskriptiven Etikettierungen, die sich zu sozial normativen Bewertungen transformieren. Professor Dr. Josef Isensee (Institut für Öffentliches Recht der Universität Bonn) skizzierte die rechtlichen Aspekte der Humangenomforschung innerhalb moderner Verfassungsstaaten. Einer unmittelbaren Beschränkung genetischer Forschung seitens des Staates seien dabei sehr enge Grenzen auferlegt, insofern es hier um einen jeweils zu rechtfertigenden Eingriff in die grundrechtlich garantierte Forschungsfreiheit gehe. Demgegenüber stehe die Möglichkeit einer indirekten staatlichen Einflussnahme über die Verteilung finanzieller Ressourcen stets offen. Ähnlich sei es nicht Aufgabe des Verfassungsstaates, in fürsorgerischer Absicht dem grundrechtsmündigen Bürger gentechnische Daten über seine Person vorzuenthalten, falls dieser jenes Wissen zu erwerben wünsche. Die Frage der Patentfähigkeit gentechnischer Entdeckungen am Menschen schließlich sei von verfassungsrechtlicher Seite nicht eindeutig zu beantworten, sondern lasse dem Gesetzgeber großen Spielraum.

Die anschließende Diskussion, Seine Relevanz für unser Verständnis des menschlichen Zusammenlebens, fand statt unter Beteiligung von Professor Dr. Regine Kollek (BIOGUM /FG Medizin der Universität Hamburg), Professor Dr. Hans Jürgen Quadbeck-Seeger (ehem. Mitglied im Vorstand der BASF AG), Professor Dr. Rainer Riemann (Institut für Psychologie der Universität Jena), Privatdozentin Dr. Marcella Rietschel (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn), Professor Dr. Wolfgang van den Daele (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) und Professor Dr. Dr. Rolf Winau (Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin). In ihr ging es um das Verhältnis von Chancen und Lasten genetischen Wissens in der modernen Gesellschaft. Dabei wurden die Vor- und Nachteile diagnostischer und etwaiger therapeutischer Methoden erörtert, insbesondere in der Medizin, im Versicherungswesen und auf dem Arbeitsmarkt. Einhellig wurde hervorgehoben, dass eine verkürzte Rezeption genetischer Zusammenhänge die Gefahr sozialer Diskriminierung mit sich bringe. Demgegenüber blieb umstritten, ob die pränatale Diagnostik zu einer weitgreifenden Praxis eugenischer Selektion innerhalb unserer Gesellschaft führen wird oder nicht.

Der 15. April stand unter der Überschrift: Der Umgang mit dem genetischen Wissen.

Im ersten Block, Welche Schutzwürdigkeit kommt dem Wissen über das individuelle und das kollektive Genom zu?, sprach zunächst Professor Dr. Matthias Herdegen (Institut für Öffentliches Recht der Universität Bonn) zu rechtlichen Aspekten der Patentierung. Dabei stellte er klar, dass patentierbar nicht vorgefundene Dinge oder Eigenschaften sein können (Entdeckungen), wohl aber neue Verfahren zur Nutzung solcher Dinge oder Eigenschaften (Erfindungen). Im Zusammenhang mit der Gentechnik stelle sich das Problem, dass Patente in diesem Bereich zu Nutzungs-Monopolen führen können. Falls es sich dabei um die Nutzung von essential facilities handle, so müsse die Schaffung von Rechtsinstrumenten erwogen werden, um den Zugang der Allgemeinheit zu diesen essential facilities zu sichern. Das menschliche Genom zur «common heritage of humanity» zu erklären, schaffe in diesem Zusammenhang allerdings nur eine geringe Rechtsverbindlichkeit. Dr. Tade Matthias Spranger (Institut für Öffentliches Recht der Universität Bonn) wies darauf hin, dass es ungünstig sei, ethische Erwägungen der Humangenetik speziell in die Patentrechtsfrage einfließen zu lassen, insofern das Patentrecht grundsätzlich wertneutral zu sein habe. Professor Dr. Dietmar Mieth (Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen) wies auf den Unterschied zwischen Verfahrenspatenten, Nutzungspatenten und Patenten auf biologisches Material hin. Es sei die letztere Patentform, die im Zusammenhang mit dem menschlichen Genom zur Debatte stehe und keinesfalls angemessen sei. Professor Dr. Jochen Taupitz (Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim) sprach sich dafür aus, in humangenetischen Zusammenhängen ein Beratungsmonopol für die Ärzteschaft festzuschreiben, ähnlich wie im Rechtsbereich und im Gesundheitsbereich entsprechende Beratungsmonopole bei Anwälten und Professoren bzw. bei Ärzten und Heilpraktikern geschaffen worden seien. Nur so könne für die Beratung von Hilfe suchenden Patienten das erforderliche wissenschaftliche Niveau garantiert werden. Auch sollten ausschließlich Gentests zu Krankheiten, und nicht zu beliebigen anderen Dispositionen, zugänglich sein. Bezüglich des Versicherungswesens sei festzuhalten, dass die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) verpflichtet sei, in ihrer Versicherungspraxis nicht auf bereits aufgetretene, geschweige denn auf genetisch dispositionierte Krankheiten zu rekurrieren. Andererseits könne aufgrund der Vertragsfreiheit einem privaten Versicherungsunternehmen schwerlich vorgeschrieben werden, mit welchem Kunden es Verträge abschließen dürfe oder müsse. Zwar könne gesetzlich festgelegt werden, dass ein solches Unternehmen keinen Gentest von potentiellen Kunden verlangen darf. Indessen dürfe im Sinne der Vertragsparität ein Unternehmen sehr wohl verlangen, dass ein Kunde sein Wissen über genetische Dispositionen offenlegt, falls er dieses durch einen bereits zuvor erhobenen Test gewonnen hat. 

In der anschließenden Gesprächsrunde erläuterte Professor Dr. Claus Bartram (Institut für Humangenetik der Universität Heidelberg), dass ein wichtiger Anwendungsbereich der Humangenetik die Auswahl und Bereitstellung individuell optimierter Medikamente sei. Auch werde angesichts der Notwendigkeit intensiver Beratung vor und nach genetischen Tests die Humangenetik sich keineswegs als eine hochtechnifizierte Apparate-Medizin realisieren, sondern wesentlich auf dem traditionellen Arzt-Patient-Verhältnis beruhen. Ministerialdirektor a.D. Dr. Rudolf Grupp (Deutsche Stiftung für Organtransplantation) beklagte, dass bei den politischen Parteien in Deutschland kein qualifizierter Diskussionsstand zum Thema Humangenetik bestehe, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen des Arbeitsrechts, des Versicherungswesens, des Datenschutzes oder der Präimplantationsdiagnostik. Die Einrichtung eines Dialogforums zur Humangenetik beim Deutschen Bundestag mit Vertretern aus Wissenschaft, Betroffenenverbänden, Ministerien und Parteien sei daher höchst wünschenswert. Professor Dr. Irmgard Nippert (Institut für Humangenetik der Universität Münster) stellte die Ergebnisse einer internationalen Befragung unter Humangenetikern vor, bei der es um die Bereitschaft ging, genetische Information über einen Patienten ohne dessen ausdrückliche Einwilligung an Dritte weiterzugeben. Tendenziell sei diese Bereitschaft hoch in Fällen der Strafverfolgung, mittelgroß bei Informationen, die den jeweiligen Lebenspartner betreffen, und gering bis verschwindend mit Blick auf Krankenversicherungen oder Lebensversicherungen. Dr. Heike Vogelsang-Wenke (Anwaltssozietät Grünecker, Kinkeldey, Stockmair & Schwahäusser in München) stellte dar, dass die Kriterien für Patentierbarkeit gemäß dem Europäischen Patentrecht die Neuheit, das Hervorgehen aus erfinderischer Tätigkeit sowie die gewerbliche Nutzbarkeit der fraglichen Erfindung sind. Ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung oder gegen die guten Sitten, den eine Erfindung nach sich ziehen würde, stehe der Erteilung eines Patents grundsätzlich entgegen. Privatdozent Dr. Stefan Winter (Dezernat für Wissenschaft und Forschung der Bundesärztekammer Köln) wies darauf hin, wie schwierig es sei, angesichts des enormen Tempos biomedizinischer Forschung stets rechtzeitig ethische Kriterien und rechtliche Regelungen für die neuen Anwendungsmöglichkeiten zu schaffen. Auch sei zu bedenken, dass die kommerzielle Verbreitung von Gentests via Internet und E-Commerce die gewünschte Anbindung an die ärztliche Beratung zunehmend erschweren werde. Dr. Nikolaus Zacherl (Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie in Wien) stellte klar, dass Patente kein Eigentumsrecht am patentierten Gegenstand verschaffen, sondern lediglich bewirken, dass kein anderer das patentierte Verfahren gewerblich nutzen darf. Auch führen Patente keineswegs zur Geheimhaltung von Erfindungen, da sie mit einer Pflicht zur Veröffentlichung einhergehen und damit weitere Forschung ausdrücklich ermöglichen.

Die Tagung endete mit einem Kritischen Rückblick, der von Professor Dr. Dr. Ingo Hansmann (Institut für Humangenetik und Medizinische Biologie der Universität Halle-Wittenberg), Dr. Ellen Norten (Freie Journalistin, Bonn), Professor Dr. Günter Stock (Vorstand der Schering AG in Berlin) und Professor Dr. Ortwin Renn (Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg) vorgenommen wurde. Dabei rief Professor Renn dazu auf, weniger in Verfügungswissen und mehr in Orientierungswissen zu investieren. Im übrigen sei der Diskussionsstand um die Humangenetik in Deutschland wesentlich besser als in anderen Ländern, was sich darin zeige, dass die öffentliche Akzeptanz der Gentechnik in Deutschland zwar durchaus nicht größer, aber wesentlich stabiler sei als in anderen Staaten. Da eine solche Stabilität auch wirtschaftlich von Vorteil sei, sähen sich andere Länder inzwischen gezwungen, die bei ihnen bislang versäumte Diskussion nachzuholen.

 

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