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Ethische Urteilsbildung in der Pränataldiagnostik - Zur ärztlichen Anwendung der Humangenetik

Zweites Deutsch-Israelisches Symposium am 14./15. Februar 1995 in Bonn

 

Im Oktober 1993 hatte an der Bar-Ilan University in Ramat-Gan (Israel) das Erste Deutsch-Israelische Symposium zu Fragen der Medizinethik stattgefunden. Die Tagung in Bonn setzte nun dieses interdisziplinäre Gespräch fort. Sie wurde wie schon die erste durch die Forschungsministerien der beiden Staaten unterstützt. Die Koordination lag auf israelischer Seite bei der Dekanin der Fakultät für Jüdische Studien der Bar-Ilan University sowie auf deutscher Seite beim Institut für Wissenschaft und Ethik.

Anders als bei der ersten Tagung wurde nicht die biomedizinische Ethik in ihrer ganzen Breite thematisiert, sondern mit der Pränataldiagnostik ein besonderes Problemfeld exemplarisch herausgegriffen. Die Idee der Begegnung war es, anhand dieses Beispiels und auf der Grundlage vergleichbarer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nicht nur die Erfahrungen im Umgang mit den erweiterten ärztlichen Handlungsmöglichkeiten, sondern ebenso auch die Verfahren der ethischen Urteilsbildung miteinander zu konfrontieren und deren Leistungsfähigkeit zu prüfen.

Ausgangspunkt der Vorträge und Diskussionen war die Erfahrung mit dem Missbrauch der Genetik im nationalsozialistischen Deutschland. Der Münsteraner Medizinhistoriker Dr. Peter Kröner stellte hierzu nicht nur das Programm der Eugenik, sondern auch die Analyse ihrer geistesgeschichtlichen Hintergründe vor. Kröner vertrat die These, die menschliche Erblehre in ihrer angewandten Form sei in dem Moment zur Bedrohung geworden, als sie die individualistische Teleologie des ärztlichen Handelns zugunsten einer vermeintlichen Verbesserung der Erbbeschaffenheit des Kollektivs aufgegeben habe. Durch Vertreter verschiedener Disziplinen wurde sodann der Umgang mit der Humangenetik in der Pränataldiagnostik von beiden Seiten dargestellt und auf die zugrunde liegenden Wertüberzeugungen befragt. Professor Dr. Klaus Zerres (Universität Bonn) stellte die Praxis der Pränataldiagnostik in Deutschland dar und berichtete über die humangenetische Beratung. Er verdeutlichte die Problematik, dass die pränatale Diagnostik oftmals nicht mit einer kompetenten Beratung verbunden sei und die Information über das Risiko die positiven Bewältigungsmöglichkeiten vielfach nicht hinreichend erkennen lasse. Für die deutschen Tagungsteilnehmer von besonderem Interesse waren die Ausführungen von Professor Shimon Glick (Faculty of Health and Sciences, Ben-Gurion University of the Negev) zum jüdischen Umgang mit der Tay-Sachsschen-Krankheit.

Im Bereich der ethischen wie der rechtlichen Beurteilung wurden Unterschiede nicht nur in den Argumentationsweisen, sondern ebenfalls in den Ergebnissen deutlich. Dabei reichte das Spektrum von einer prinzipiellen Infragestellung des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts (Professor Velvl Green, University of the Negev) über die Präsentation verschiedener Ansätze in talmudisch-rabbinischer Tradition (Professor Yehuda Friedlander, Department of Literature of the Jewish People, Bar-Ilan University, sowie Professor Shimon Glick) bis zum Plädoyer für weitgehende Freiheit der Forschung (Dr. Uri Nir, Department of Life Sciences, Bar-Ilan University). Shimon Glick machte deutlich, dass die klassische jüdische Anknüpfung an die Thora und ihre Auslegung seit der Aufklärung nicht mehr als der einzige Ansatz der jüdischen Ethik betrachtet werden könne. Gerade für die biomedizinische Ethik komme hinzu, dass zahlreiche jüdische Wissenschaftler keine spezifisch jüdische Perspektive einnehmen, sondern vielmehr dem allgemein gebräuchlichen philosophisch-analytischen Instrumentarium verpflichtet sind. Im Bereich des Rechts, so erläuterte Professor Amnon Carmi (Faculty of Law, University of Haifa), führe die Beschränkung der Gesetzgebung auf eine Rahmenordnung, die sowohl der kasuistischen Rechtstradition als auch dem streng säkularen Staatsverständnis in Israel verpflichtet ist, zu einer Verlagerung der Entscheidungskompetenz auf die Ebene der Rechtsprechung.

Dass auch der prinzipienethische Ansatz, der in der westlichen ethischen Tradition vorherrschend ist, bei konkreten Regelungen in Dilemmata führen kann, zeigte sich bei der Diskussion des Embryonenschutzes und des Schwangerschaftsabbruchs. Will man nämlich an der Schutzwürdigkeit des Embryos und des Föten auch gegen die Interessen der Eltern festhalten, dann erscheint jede permissive Regelung der Abtreibung, jede Anerkennung von Ausnahmen als inkonsistent, wie Professor David Heyd vom Departement of Philosophy der Hebrew University of Jerusalem geltend machte. Nach Auffassung von Professor Dr. Martin Honecker (Evangelisch-Theologisches Seminar der Universität Bonn) birgt deshalb eine Festlegung von Ausnahmen (Indikationen) immer die Gefahr einer problematischen Wertung seitens des Staates. Gerade für den Fall der sogenannten kindlichen oder embryopathischen Indikation ergeben sich hier besondere Schwierigkeiten. Zwar vermeidet es das deutsche Recht, so Professor Dr. Hans-Ludwig Günther (Juristische Fakultät der Universität Tübingen), indem es stets auf die Zumutbarkeit für die Mutter abhebt, das Lebensrecht des geschädigten Fötus anders zu werten als das des gesunden. Doch muss dieses Kriterium der subjektiven Unzumutbarkeit an das objektive Kriterium der schweren erblichen Krankheit gebunden sein, wenn es nicht auf beliebige genetische Dispositionen ausgedehnt werden soll. Professor Dr. Ludger Honnefelder (Philosophisches Seminar der Universität Bonn) machte die hierin implizierte Gefahr deutlich, dass an die Stelle des Kriteriums der Unzumutbarkeit für die Mutter das der Unzumutbarkeit für das Kind treten könne.

Der Verlauf der Diskussion zeigte, dass die ethische Argumentation in starkem Maße dadurch bestimmt ist, wie man das Prinzip der Menschenwürde näherhin fasst und ob anstelle der Menschenwürde von der Heiligkeit des Lebens gesprochen wird. Beim nächsten Symposium in Israel solle deshalb, so kam man überein, das Konzept der Menschenwürde und das der Heiligkeit des Lebens im Mittelpunkt stehen. Für die Bar-Ilan University lud Professor Judith Dishon die deutschen Teilnehmer hierzu herzlich ein.

 

  • Ein ausführlicher Bericht über das Symposium ist zu finden in:

    Fuchs, M.: «Ethische Urteilsbildung in der Pränataldiagnostik - Zur ärztlichen Anwendung der Humangenetik»: Deutsch-Israelisches Symposium zu Ansätzen und Modellen in der medizinischen Ethik am 14./15. Februar 1995 in Bonn. In: Honnefelder, L., Streffer, C. (Hg.): Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 2, Berlin, New York 1997, 229-252.
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