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Allokationsprobleme in der Transplantationsmedizin

Colloquium am 26. Mai 1995 in Bonn

 

Lange vorbei ist die Zeit vereinzelter spektakulärer Erfolge bei der Organtransplantation. Der Austausch von Herz, Leber, Niere und Augenhornhaut ist heute in einer ganzen Reihe medizinischer Zentren zwar nicht zur Routine, wohl aber zum ärztlichen Alltag geworden. Dort, wo es eine therapeutische Alternative gibt, wie im Falle der Niereninsuffizienz, gilt die Transplantation unbestritten als Methode der Wahl. Das geplante Organtransplantationsgesetz verfolgt daher erklärtermaßen nicht nur das Ziel, Rechtssicherheit auf diesem Gebiet zu schaffen, sondern zugleich, eine ausreichende Zahl von Spenderorganen sicherzustellen. Beides erhofft man sich von einer erweiterten Zustimmungslösung.

Auch zukünftig aber wird man davon ausgehen müssen - gleich, wie sich die Entscheidung des Gesetzgebers auf die Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung auswirkt -, dass der großen Zahl derjenigen, die eine Transplantation wünschen, eine zu kleine Menge verfügbarer und geeigneter Spenderorgane gegenübersteht. Ein Colloquium, zu dem Professor Dr. Ludger Honnefelder im Namen der Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen Experten und Betroffene eingeladen hatte, sollte deshalb klären, wie in dieser Situation des Mangels verantwortliche Entscheidungen getroffen werden könnten. Im Zentrum stand dabei der Bericht von Professor Dr. Oswald Schwemmer vom Institut für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin und seinen Mitarbeitern über das Forschungsprojekt «Auswahl- und Entscheidungskriterien in der Transplantationsmedizin». Dieses Projekt steht im Rahmen des von DFG und BMBF geförderten Gesamtprojektes «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken», an dem auch das Institut für Wissenschaft und Ethik beteiligt ist.

Oswald Schwemmer machte eingangs deutlich, dass es in dem Projekt darum gehe, ein Modell der ärztlichen Entscheidungsbildung ausgehend von den konkreten Rahmenbedingungen des Allokationsprozesses in der Transplantationsmedizin zu entwickeln. Es seien intensive Gespräche mit Transplantationsmedizinern im Bereich von Nieren-, Leber- und Herztransplantation geführt worden. Geplant sei auch die Einbeziehung der Augenhornhauttransplantation. Das Projekt verlange über den Kontakt mit den Medizinern hinaus auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Rechtswissenschaften.

Professor Dr. Friedrich Wilhelm Eigler vom Transplantationszentrum Essen erläuterte, dass bei der Transplantation der verschiedenen Organe sehr unterschiedliche Entscheidungssituationen gegeben seien. Während nämlich ein Leberversagen oft eine Akutsituation darstellt, hat das Instrument der Warteliste bei der Zuteilung von Spendernieren eine entscheidende Bedeutung. Gerade der Mangel zwinge indes in allen Bereichen zu einem erfolgsorientierten Handeln; Ziel sei ein möglichst günstiges Langzeitergebnis. Für den Arzt komme es daher neben der Dringlichkeit vor allem auf die möglichst genaue Übereinstimmung der Gewebe an, es sollten zudem allzu große Transportwege vermieden werden.

Dr. Guido Persijn, der Medizinische Direktor der Leidener Eurotransplant Foundation, führte aus, dass Eurotransplant im Vernehmen mit den Transplantationszentren bemüht sei, ein Verfahren zu etablieren, das diesen Anforderungen gerecht werde. Um einen Platz auf der zentralen Warteliste im Computer bei Eurotransplant erhalten zu können, müssen eine vollständige Gewebetypisierung und die Ergebnisse eines kürzlich durchgeführten Gewebeantikörpertests vorliegen. Gibt es im Spenderzentrum keinen Empfänger mit einer guten Übereinstimmung, dann wird das Organ durch Eurotransplant an ein anderes Zentrum vermittelt.

Professor Dr. Meinhard Heinze, Professor für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherheit an der Universität Bonn, führte aus zivilrechtlicher Sicht aus, dass das Recht bei der Allokationsentscheidung ausschließlich medizinische Gründe und formale Aspekte der Gleichheit gelten lassen könne. Christoph Conrads, Strafrechtler an der Universität Göttingen, beschrieb die Zuteilungsentscheidung als eine rechtfertigende Pflichtenkollision für den Arzt. Das Strafrecht biete kein geeignetes Mittel, um hier konkrete Entscheidungen zu erzwingen.

Dr. Norbert Meuter als Bearbeiter des Forschungsprojekts an der Humboldt-Universität betonte, dass es darauf ankomme, Verfahren zu bestimmen, die die individuellen Momente eines Entscheiders und einer Entscheidungssituation reduzierten und dadurch Entlastung, Objektivität und Transparenz schafften. Dennoch gebe es immer wieder Einzelfälle, in denen an sich bewährte Verfahren und allgemeine Kriterien nicht anwendbar seien, jedenfalls nicht, ohne einige unserer moralischen Intuitionen zu verletzen. Dr. Rolf Lachmann vom Institut für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin votierte dafür, dieser Irreduzibilität des personalen Entscheidungsanteils mit einem identitätsethischen Ansatz Rechnung zu tragen.

Mit der spezifischen Sicht der Betroffenen wurden die Teilnehmer durch die Referate der Patientenvertreter konfrontiert. Monika Kracht berichtete als Bundesvorsitzende des Verbandes der Organtransplantierten über die intensive Informations- und Öffentlichkeitsarbeit ihres Verbandes. Über die Fragen der Verteilungsgerechtigkeit hinaus seien weitere Fragen für die Patienten zentral, etwa die, wie man mit dem Organ eines Toten fertig werden könne. Dominierend sei aber das große Glück über das gewonnene Leben.

 

  • Die Vielfalt der Perspektiven, die in den Colloquiumsbeiträgen zum Ausdruck kam, ist in einem Tagungsband dokumentiert, den die Berliner Projektgruppe vorbereitet hat:

    Lachmann, R., Meuter, N. (Hg.): Zur Gerechtigkeit der Organverteilung. Ein Problem der Transplantationsmedizin aus interdisziplinärer Sicht, Stuttgart u.a. 1997.
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