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Molekulare Medizin und medizinische Hirnforschung

Zum ethischen Profil molekularer Ansätze in der Humanmedizin und ihrer Anwendung auf das menschliche Gehirn.

 

  • Kurzbeschreibung:
    Mit der Einrichtung der Nachwuchsgruppe wird sich das IWE in einer frühen Phase der Entwicklung des neuen Forschungs- und Anwendungsparadigmas der „molekularen Medizin“ mit der Reflexion der hiermit verbundenen Einsichts- und Handlungsmöglichkeiten beschäftigen. Dabei wird die starke Vertretung der molekularen Medizin und der Hirnforschung an der Universität Bonn für die Arbeit der Nachwuchsgruppe eine besonders günstige Grundlage bieten. Entsprechend wird ein zentrales Element der Nachwuchsgruppe darin bestehen, interdisziplinäre Strukturen mit den in diesen Gebieten tätigen Naturwissenschaftlern aufzubauen, und zwar sowohl durch eine enge inhaltliche Zusammenarbeit mit den einschlägigen Instituten und Kliniken der medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums Bonn als auch durch die Entwicklung curricularer Elemente für die Lehre der Ethik im Rahmen des Studiengangs „Molekulare Medizin“ in Bonn.
    Bei der inhaltlichen Kooperation wird es zunächst um eine Klärung gehen, welche Gegenstandsfelder genauer unter das Paradigma der „molekularen Medizin“ zu rechnen sind. Einheitliche Vorstellungen hierzu bestehen bislang auf einer Ebene erster Verallgemeinerung, die in der Identifizierung von Molekülen in verschiedenen biologischen Systemen und der Entdeckung ihres funktionellen Zusammenwirkens die Möglichkeit erkennt, die den Lebensphänomenen zugrunde liegenden Mechanismen zu beschreiben und hierauf aufbauend Eingriffstechniken zu entwickeln, die gesamthaft als „Biotechnologie“ bezeichnet werden. Eine präzisere Begriffsbestimmung, die für das Selbstverständnis und die theoretische Reflexion einer sich neu entwickelnden Wissenschaft letztlich unentbehrlich sein wird, ist im engen Austausch mit den Forschern und Medizinern zu entwickeln.
    Mit der Molekularisierung der Medizin verbinden sich Hoffnungen, Krankheitsursachen besser zu verstehen und neuartige Therapien für derzeit nicht oder nur eingeschränkt behandelbare Erkrankungen zu entwickeln. Wenngleich solche Szenarien gegenwärtig nur in Umrissen zu erkennen sind, wird die molekulare Medizin wahrscheinlich auch in der praktischen Anwendung zunehmende Bedeutung erlangen. Dabei sind die diesbezüglichen Erwartungen und Bewertungen höchst divergent. Dies zeigt sich insbesondere in den Bereichen der Gentherapie, der Stammzellforschung und der Pharmakogenetik. Vor allem wenn die hiermit angesprochenen Techniken auf die molekulare Erforschung und Therapie des menschlichen Gehirns angewendet werden, ergeben sich fundamentale ethische Fragen. Denn während das Gehirn einerseits aufgrund der begrenzten Möglichkeiten bzw. der geringen Spezifität herkömmlicher Therapien ein bevorzugtes Zielorgan für neue Therapieansätze auf molekularer Ebene sein wird, kommt ihm andererseits als zentralem Organ, das die Voraussetzung für die Wahrnehmung von Selbstbewusstsein und Autonomie ist, eine besondere Schutzwürdigkeit zu.
    Es ist daher wahrscheinlich, dass sich künftige Debatten über die ethischen, anthropologischen und gesellschaftlichen Dimensionen der molekularen Medizin besonders intensiv auf Anwendungen beim Gehirn richten werden. Dabei werden höchst unterschiedliche Argumente in den Blick treten, wie etwa die Bedeutung des Gehirns im Schnittfeld zwischen der Leiblichkeit und dem Selbstverständnis des Menschen als Geistwesen, gesellschaftliche Ängste vor Eingriffen mit Auswirkung auf die Persönlichkeit sowie eine zu erwartende erhebliche Belastung der Gesundheitssysteme durch eine Zunahme neurodegenerativer Erkrankungen. Diese Herausforderung für eine ethische Beurteilung der molekularen Medizin wird anhand folgender Fragenkomplexe aufgenommen werden.
    (1) Zunächst sind die genauen Charakteristika des Begriffsfelds der molekularen Medizin zu bestimmen. Zu ihren Gegenstandsbereichen werden in der Literatur vor allem der Einsatz von Biomolekülen (DNA, RNA, Proteine bzw. Peptide, small molecules etc.), die Nanobiotechnologie, die molekulare Pharmakologie („drug designing“) sowie zellgestützte Verfahren gezählt. Ausgehend von diesem Kanon und in enger Zusammenarbeit mit Forschern und Ärzten wird eine konsistente Vorstellung von molekularer Medizin zu entwickeln sein, die der extensionalen Dynamik dieses sich entwickelnden Forschungszweiges entspricht.
    (2) Sodann soll das ethische Profil der molekularen Medizin identifiziert und insbesondere untersucht werden, inwieweit es sich vom ethischen Profil herkömmlicher Medizin unterscheidet. Hierbei sind Fragen nach der Eindringtiefe, nach Nutzen-Risiko-Abwägungen, nach einer Veränderung des menschlichen Selbstverständnisses durch eine „Molekularisierung“ des Menschenbildes u.a. zu beachten.
    (3) Diese Ergebnisse sind auf die molekulare Hirnforschung anzuwenden, indem zunächst untersucht wird, inwieweit eine Analyse der grundsätzlichen Fragestellungen der molekularen Medizin eine Lösung der spezifischen Probleme der molekularen Hirnforschung ermöglicht. Umgekehrt ist zu erforschen, was eine Analyse der molekularen Hirnforschung zum ethischen Profil der molekularen Medizin im Allgemeinen beiträgt. In diesem Zusammenhang muss etwa geklärt werden, wie stark molekulare Eingriffe die Individualität des Menschen berühren und inwieweit die Aufdeckung molekularer Mechanismen im Gehirn Auswirkungen auf die Vorstellung vom Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist und von personaler Autonomie hat. Die Nachwuchsgruppe hat eine Laufzeit von acht Jahren, wobei die Gruppe über fünf Jahre durch das BMBF gefördert wird. Sie umfasst einen Leiter, einen Doktoranden sowie eine wissenschaftliche Hilfskraft für die ersten drei Jahre und wird für die restliche Laufzeit um einen zusätzlichen Doktoranden und eine weitere wissenschaftliche Hilfskraft erweitert. Die Nachwuchsgruppe wird ihre Arbeit im Januar 2005 beginnen.


  • Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder
    Institut für Wissenschaft und Ethik, Bonn

 

  • Bearbeitung: 

    Nachwuchsgruppenleiter:
    Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Heinemann
    Tel.: +49 (0)228 / 3364-19 20
    Fax:  +49 (0)228 / 3364-19 50
    E-Mail: iwe@iwe.uni-bonn.de

    Wissenschaftliche Mitarbeiter:
    Kathrin Rottländer, Dipl. Biol.
    Tel.: +49 (0)228 / 3364-19 20
    Fax:  +49 (0)228 / 3364-19 50
    E-Mail: iwe@iwe.uni-bonn.de

 

  • Förderung:
    Bundesministerium für Bildung und Forschung

 

  • Förderungszeitraum:
    Januar 2005 - Dezember 2009

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