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Genetische Ausstattung und Schutz der Person

  • Kurzbeschreibung:
    Im Zentrum des Projekts steht die Frage, ob und inwieweit die individuelle genetische Ausstattung an dem Schutz partizipiert, der sowohl der Person als auch ihrer individuellen Natur, mithin ihren naturalen Vorgaben insgesamt gilt. Ziel der Untersuchung war es, (1) in Auseinandersetzung mit der aktuellen Debatte um den Personbegriff grundsätzlich das Person-Natur-Verhältnis zu klären, die Tragfähigkeit und Plausibilität des Menschenwürdegedankens zu prüfen und die Reichweite des durch ihn begründeten Schutzes der Person zu bestimmen; (2) unter Berücksichtigung dessen, was die humanbiologische und medizinische Forschung zum Verständnis von Rolle und Funktion des Genoms für den Bauplan, die Ontogenese und den Vollzug der Person beitragen, das Person-Genom-Verhältnis zu klären; (3) zu prüfen, ob sich das Person-Genom-Verhältnis als Sonderfall des Person-Natur-Verhältnisses begreifen lässt, mit der Absicht, darüber den moralische Status der individuellen genetischen Ausstattung zu bestimmen; sowie (4) vor diesem Hintergrund Kriterien für die generelle ethische Beurteilung der diagnostischen und therapeutischen Handlungsmöglichkeiten der Humangenetik zu entwickeln.
    Das Verhältnis von genetischer Ausstattung und phänotypischen Merkmalen ist nicht als eindimensional zu verstehen. Am Gen oder an dessen Basensequenzen ist das daraus hervorgehende Merkmal nicht abzulesen. Ebenso lässt sich «genetische Individualität» auf unterschiedliche Funktions-Ebenen beziehen. Selbst eineiige Zwillinge können differieren. Von dieser genetischen Individualität sind jedoch keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die personale Individualität zulässig. Erst in einem komplexen Wirkungs- und Regulationszusammenhang unter Beteiligung von Umweltfaktoren üben ein Gen oder mehrere Gene Einfluss auf ein Merkmal aus. Die genetische Ausstattung ist also kein determinierender Faktor im Sinne eines Programms für das, was wir als Person erleben, sondern vielmehr eine Rahmenvorgabe, die innerhalb eines kontextuellen Geschehens einem Merkmal einen von weiteren Faktoren abhängigen Manifestationsspielraum vorgibt. Am ehesten ist die Funktion des Genoms als notwendige, nicht jedoch als hinreichende Bedingung der Möglichkeit von Entwicklung und Manifestation individueller Merkmale in einem bestimmten Variationsrahmen zu beschreiben.
    Mit Blick auf das Person-Natur-Verhältnis ist festzuhalten, dass der durch die Würde begründete Schutz erstens dem Menschen gilt, insofern er Person, mithin individuelles sittliches Subjekt ist. In dieser Bedeutung begegnet der Würdebegriff als Ausgangs- und Kernpunkt der neuzeitlichen Selbstinterpretation des Menschen, die sich anhand der Begriffe Selbstzwecklichkeit, Selbstbestimmung, Individualität, Identität, Vernünftigkeit und Gleichheit auslegen lässt. Da die Würde einem Subjekt zukommt, das die Natur eines Lebewesens hat, und da menschliches Leben Bedingung der Möglichkeit des Subjektseins ist, ist zweitens auch den naturalen Vorgaben des Personseins Schutzwürdigkeit zuzusprechen in dem Maß, als sie sich als der unbeliebige, obzwar entwurfsoffene Rahmen für die Entfaltung der Person erweisen. Dies kann als das Prinzip der Personnähe bezeichnet werden.
    Insofern nun die individuelle genetische Ausstattung das Dispositionsfeld des Individuums mitbedingt, kann sie unbezweifelbar den naturalen Anfangs- und Entfaltungsbedingungen des Personseins zugerechnet werden. Das Person-Genom-Verhältnis ist mithin als Sonderfall des Person-Natur-Verhältnisses zu behandeln. Mit Blick auf den moralischen Status der genetischen Ausstattung kann daher das Prinzip der Personnähe präzisiert werden: Je mehr die genetische Ausstattung die naturalen Anfangs- und Entfaltungsbedingungen des Personseins im Sinne unverzichtbarer naturaler Vorgaben ermöglicht und mitbedingt und je fundamentaler diese Anfangs- und Entfaltungsbedingungen für den Vollzug der Person sind, desto mehr partizipiert sie an dem Schutz, der den naturalen Vorgaben des Personseins insgesamt gilt.
    Auf einer grundsätzlichen Ebene folgt aus dem Prinzip der Personnähe, dass im Bereich von Genomanalyse und Gentherapie kategorisch verboten ist, was die Subjektqualität des Menschen prinzipiell in Frage stellt. Auf einer weniger prinzipiellen Ebene lassen sich als Entfaltung des Prinzips der Personnähe vier spezifische Kriterien des Umgangs mit der genetischen Ausstattung entwickeln, die ihre normative Geltung - wenngleich in je unterschiedlicher Akzentuierung - aus ihrem Bezug auf einzelne oder mehrere Güter erhalten, die sich aus der Würde der Person ergeben: wie etwa Selbstzwecklichkeit, Selbstbestimmung und Gleichheit:
    Das Kriterium der Wahrung der genetischen Anfangsbedingungen der Person richtet sich gegen Manipulationen, die die Entstehung eines Individuums ausschließlich heteronomen Zwecken unterwerfen (Eugenik, Klonen). Ein zweites Kriterium zielt auf die Wahrung der genetischen Bedingungen der freien Entfaltung der Persönlichkeit und schützt das Recht auf die Naturwüchsigkeit und Unverfügbarkeit des Ursprungs. Das Kriterium der informationellen Selbstbestimmung der Person soll mit Blick auf die diagnostischen Erkenntnismöglichkeiten der Humangenetik das Recht auf Wissen und Nichtwissen sowie den Umgang mit gendiagnostisch erhobenen persönlichen Daten schützen. Und schließlich soll ein viertes Kriterium, das der Wahrung der Gleichheit in Bezug auf die genetischen Bedingungen, vor Diskriminierung, Stigmatisierung oder gar Selektion von Individuen bewahren, die Träger bestimmter genetischer Eigenschaften sind.
    Aus der Stellung des Genoms als eines naturalen Entfaltungspotentials der Person lassen sich ethisch jedoch nur Rahmenbedingungen für den Umgang mit dem individuellen Genom entnehmen. Diese sind für eine ethische Bewertung des ärztlichen Handelns sowohl für den diagnostischen wie auch für den therapeutischen und präventiven Umgang mit dem Genom notwendig, aber noch keineswegs hinreichend. Vielmehr muss hier auf andere normative Konzepte zurückgegriffen werden. Als ein solches normatives Konzept spielt insbesondere der Krankheitsbegriff eine wesentliche Rolle, welcher zentraler Gegenstand der Untersuchung in Projektteil 2.2 «Genetische Ausstattung - Krankheit - Behinderung: Die ethische Funktion des Krankheits- und Behinderungsbegriffs in der medizinischen Anwendung der Humangenetik» ist.


  • Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder,
    Institut für Wissenschaft und Ethik, Bonn

 

  • Beratung:
    Prof. Dr. theol. Martin Honecker
    Evangelisch-Theologisches Seminar der Universität Bonn

    Prof. Dr. med. Peter Propping
    Institut für Humangenetik der Universität Bonn

 

  • Bearbeitung:
    Prof. Dr. phil. Armin G. Wildfeuer
    vormals IWE, inzwischen Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abt. Paderborn

    Dr. med. Christiane Woopen
    Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln,
    Institut für Wissenschaft und Ethik, Bonn

 

  • Förderung:
    BMBF

 

  • Förderungszeitraum:
    Juni 1993 - Mai 1997

 

  • Publikationen:
    Carl Friedrich Gethmann, Ludger Honnefelder, Oswald Schwemmer, Ludwig Siep (Hg.): Die «Natürlichkeit» der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken; Reihe Forschungsbeiträge des Instituts für Wissenschaft und Ethik; Bd. A1, Bonn 2001.

    Die Publikationen im Zusammenhang mit dem Gesamtprojekt «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken» sind auf einer gemeinsamen Publikationsliste für alle fünf Arbeitsgruppen zu finden.

 

  • Vorbemerkung:
    Das Projekt stellt den Projektteil 2.1 des Gesamtprojekts «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken» dar. Dieses Gesamtprojekt befasst sich mit neuen Handlungsmöglichkeiten in den Biowissenschaften und in der Medizin, die durch Organtransplantation und Organallokation, Humangenetik und Gentechnik im nichthumanen Bereich entstanden sind. Die Beurteilung der Zulässigkeit dieser Handlungsmöglichkeiten wirft die Frage nach der Zumutbarkeit von Risiken auf, die in dem genannten Zusammenhang entstehen, und wird häufig im Rückgriff auf Prämissen erwogen, die in verschiedener Weise auf den Begriff der Natürlichkeit Bezug nehmen und dabei deskriptive und normative Aspekte miteinander verbinden.
    Das Gesamtprojekt wurde auf Initiative der Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen im Zeitraum von 1993-1997 bearbeitet und durch DFG und BMBF gefördert. Das Gesamtprojekt gliederte sich in insgesamt fünf Projektteile, die durch vier Arbeitsgruppen bearbeitet wurden:

    Projektteil 1.1:
    «Die Sonderstellung des menschlichen Körpers zwischen Person und Sache»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Ludwig Siep, Universität Münster

    Projektteil 1.2:
    «Auswahl- und Entscheidungskriterien in der Transplantationsmedizin»

    Projektleitung:
     Prof. Dr. phil. Oswald Schwemmer, Humboldt-Universität Berlin

    Projektteil 2.1:
    «Genetische Ausstattung und Schutz der Person»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder, Universität Bonn

    Projektteil 2.2:
    «Genetische Ausstattung - Krankheit - Behinderung: Die ethische Funktion des Krankheits- und Behinderungs-begriffs in der medizinischen Anwendung der Humangenetik»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder, Universität Bonn

    Projektteil 3:
    «Gentechnische Anwendungen im nichthumanen Bereich»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Carl Friedrich Gethmann, Universität Essen
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