Sie sind hier: Startseite Forschung Archiv (bis 2005) Genetische Anwendungen im nichthumanen Bereich

Gentechnische Anwendungen im nichthumanen Bereich

  • Kurzbeschreibung:
    Die Zulässigkeit von gentechnischen Interventionen an nichtmlenschlichen Lebensformen wird kontrovers diskutiert und je nach Art des Organismus unterschiedlich bewertet. 
    Einen Parameter dieser Bewertung bildet die morphologische Nähe bzw. der Abstand des betreffenden Lebewesens zum Menschen: Bakterien in ihrer DNA zu verändern, wird als weniger rechtfertigungsbedürftig angesehen als beispielsweise ein Eingriff in das Erbgut von Säugetieren. Bei Pflanzen indes wird weniger um die «Unverfälschtheit ihrer genetischen Information» gestritten als vielmehr über die Folgen des gentechnischen Eingriffs für Umwelt, «Natur» und Mensch.
    Die Diskussion um die Zulässigkeit der Gentechnik gliedert sich jedoch nicht nur mit Blick auf die verschiedenartigen Substrate (Mikroorganismus, Pflanze, Tier) und die unterschiedlichen Problemfelder (Zumutbarkeitsfragen für Mensch, «Natur», betroffenen Organismus), sondern es finden auch mehrere, zum Teil konkurrierende Ansätze der moralphilosophischen Beurteilung Anwendung.
    Die Projektarbeit geht nun von der Annahme aus, dass sich die divergierenden ethischen Ansätze - wie auch die Positionen der Gentechnikdiskussion - unter bestimmte Argumentationsmuster fassen lassen. Dabei handelt es sich zum Teil um typische Beispiele für die Risikodebatte, wie sie im Zusammenhang mit der Zulässigkeit von Großtechniken auftreten (1). Andere Typen dagegen stellen für die Gentechnik spezifische Argumente dar und sind auch (teilweise) unabhängig von Analogien zu anderen technikinduzierten Fragen zu diskutieren (2).
    (1) Gegen gentechnische Anwendungen werden immer wieder Einwände erhoben, die auf die Irreversibilität und Nichtkontrollierbarkeit der Auswirkungen gentechnischer Eingriffe hinweisen. Derartige Fragen werden im Rahmen der Technikdebatte spätestens seit der Inbetriebnahme von Kernkraftwerken kontrovers diskutiert. Den Hauptstrategien («Im Zweifel für das Nichtstun», so der Sekurist, bzw. «Wissen ist nur durch Machen zu erhalten», wie der Technikbefürworter nahelegen mag) liegen bestimmte Prämissen zugrunde, die im Rahmen des Projektes geprüft werden.
    (2) Die für die Gentechnik-Debatte spezifischen Argumente lassen sich beispielsweise unter Missbrauchsargumente, Dammbruchargumente und andere, materiale Einwände (z.B. Verlust von Arten, Störung des ökologischen Gleichgewichts) subsumieren. Kennzeichnend für die Debatte ist darüber hinaus, dass häufig sowohl in affirmativem Sinn als auch in kritisch distanzierter Form an der «Natur» (Evolution, Ökologisches Gleichgewicht) als Größe festgehalten wird, der man zu folgen habe oder über die man hinauszugehen bereit sein soll. Die in diesen Äußerungen zum Ausdruck gebrachten normativen Orientierungen an einer wie immer gearteten «Natur» bedürfen einer genaueren Untersuchung. Dabei wird vorausgesetzt, dass es zwar unumgänglich ist, der «Natur der Sache» (hier: den Vorgaben des Genoms) zu folgen, Entscheidungsgrundlagen jedoch in Abstimmung mit anthropogenen Festsetzungen gefunden werden müssen.
    Ein Ziel des Projekts besteht darin, einerseits Argumentationsformen herauszuarbeiten, mit denen konsistent über einen gerechtfertigten Umgang mit Natur befunden werden kann. Andererseits werden solche Argumente als lückenhaft oder nicht triftig gekennzeichnet (und ggfs. korrigiert), deren Geltungsanspruch einer rationalen (z.B. zur Verallgemeinerung tauglichen) Prüfung nicht standhält.
    Ergebnisse dieser Untersuchungsform sind nicht konkrete Handlungsanleitungen, sondern (hypothetisch geltende) Regeln, die Empfehlungen formulieren, etwa «Wenn du für/gegen eine Option votieren willst, wähle/führe auf...».


  • Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Carl Friedrich Gethmann
    Institut für Philosophie der Universität Essen
    Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH

 

  • Beratung:
    Prof. Dr. rer. nat. Alfred Pühler
    Fakultät für Biologie der Universität Bielefeld

    Prof. Dr. rer. nat. Heinz Saedler
    Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, Köln
    Institut für Genetik der Universität Köln

 

  • Bearbeitung:
    Anette Klapperich
    vormals IWE, vormals Institut für Philosophie der Universität Essen

 

  • Förderung:
    BMBF

 

  • Förderungszeitraum:
    Juni 1993 - Mai 1997

 

  • Publikationen:
    Carl Friedrich Gethmann, Ludger Honnefelder, Oswald Schwemmer, Ludwig Siep (Hg.): Die «Natürlichkeit» der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken; Reihe Forschungsbeiträge des Instituts für Wissenschaft und Ethik; Bd. A1, Bonn 2001.

    Die Publikationen im Zusammenhang mit dem Gesamtprojekt «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken» sind auf einer gemeinsamen Publikationsliste für alle fünf Arbeitsgruppen zu finden.

 

  • Vorbemerkung:
    Das Projekt stellt den Projektteil 3 des Gesamtprojekts «Die 'Natürlichkeit' der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken» dar. Dieses Gesamtprojekt befasst sich mit neuen Handlungsmöglichkeiten in den Biowissenschaften und in der Medizin, die durch Organtransplantation und Organallokation, Humangenetik und Gentechnik im nichthumanen Bereich entstanden sind. Die Beurteilung der Zulässigkeit dieser Handlungsmöglichkeiten wirft die Frage nach der Zumutbarkeit von Risiken auf, die in dem genannten Zusammenhang entstehen, und wird häufig im Rückgriff auf Prämissen erwogen, die in verschiedener Weise auf den Begriff der Natürlichkeit Bezug nehmen und dabei deskriptive und normative Aspekte miteinander verbinden.
    Das Gesamtprojekt wurde auf Initiative der Forschungsarbeitsgemeinschaft Bioethik in Nordrhein-Westfalen im Zeitraum von 1993-1997 bearbeitet und durch DFG und BMBF gefördert. Das Gesamtprojekt gliederte sich in insgesamt fünf Projektteile, die durch vier Arbeitsgruppen bearbeitet wurden:

    Projektteil 1.1:
    «Die Sonderstellung des menschlichen Körpers zwischen Person und Sache»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Ludwig Siep, Universität Münster

    Projektteil 1.2:
    «Auswahl- und Entscheidungskriterien in der Transplantationsmedizin»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Oswald Schwemmer, Humboldt-Universität Berlin

    Projektteil 2.1:
    «Genetische Ausstattung und Schutz der Person»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder, Universität Bonn

    Projektteil 2.2:
    «Genetische Ausstattung - Krankheit - Behinderung: Die ethische Funktion des Krankheits- und Behinderungsbegriffs in der medizinischen Anwendung der Humangenetik»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ludger Honnefelder, Universität Bonn

    Projektteil 3:
    «Gentechnische Anwendungen im nichthumanen Bereich»

    Projektleitung:
    Prof. Dr. phil. Carl Friedrich Gethmann, Universität Essen
Artikelaktionen